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30.06. - 09:59 h

Burma im Überblick, Vol I

Die Region des heutigen Burma vor der Eroberung durch die Briten

Die Migration der Karen

Historiker gehen nahezu übereinstimmend davon aus, dass die Karen bereits um 1100 B.C. aus der Wüste Gobi, dem ’river of sand’ ihrer Migrationslegende, über Tibet und Yünnan entlang der Flüsse Irrawaddy, Salween und Mekong nach Südostasien eingewandert sind. Geographische Endpunkte ihrer Wanderung waren das fruchtbare Delta des Irrawaddy am indischen Ozean und der Isthmus von Kra am Golf von Thailand. Spuren ihrer Migration lassen sich bis zum Tonle Sap im heutigen Kambodscha nachweisen. Die Hauptsiedlungsgebiete der Karen liegen entlang des Salween, im Irrawaddy Delta und dies- und jenseits der Dawna und Tenasserim Gebirge, die heute die natürliche Grenze zwischen Thailand und Burma bilden.

1700 Jahre später ist in chinesischen Chroniken erstmals von den entstehenden Königreichen der Burmanen zu lesen (Mrammar/Bamar), die das Siedlungsgebiet im Delta und entlang des Irrawaddy für sich beanspruchen.

Karen und Burmanen – ein vorbelastetes Verhältnis

Ein Blick auf die Geschichte der graduellen Verdrängung der Karen durch die Burmanen in die weniger fruchtbaren und schwerer zu kultivierenden Berge am Rande der Burmanischen Königreiche vor der englischen Eroberung offenbart ein nicht sehr kriegerisches Volk, wenig geneigt einen eigenen Staat zu gründen. In der Natur der Karen scheint ein radikal dezentralistisches Gen zu existieren, ein Bedürfnis nach Unabhängigkeit, das die Familie als maximale administrative Einheit erachtet. Im Irrawaddy Delta, wo beide Völker nebeneinander siedeln, haben die kriegerischen Burmanen die Karen entschieden dominiert. Historisch haben die Karen den Burmanen ’gedient’, nicht selten als Sklaven.

Karen Babel

Die Migration und Verdrängung der Karen hat eine kulturelle Fraktionierung zur Folge, die sich in Kunst, Musik, Kleidung und Sprache äußert. Grob unterteilt sind das die S’kaw Karen, Pwo Karen, Karenni und Pa-O, die so unterschiedliche Dialekte einer Karen Ursprache sprechen, dass sie sich untereinander nicht verstehen. Innerhalb dieser Fraktionen gibt es noch einmal Gruppen unterschiedlichster kultureller und religiöser Ausprägung. Darüber hinaus werden die Karen im Irrawaddy Delta aufgrund ihrer Nähe zum urbanen ‚Puls der Zeit’ deutlich von jenen unterschieden, die in den abgelegenen Bergen östlich des Flusses leben.

Allen Fraktionen gemeinsam ist, dass sie bis ins 19. Jahrhundert keine eigene Schriftsprache besaßen und die mündlichen Überlieferungen ihrer Migration, sowie ihre spirituellen und sozialen Regelwerke in eine ‘Hta’ genannte Versform gefasst haben. In seiner poetischen Form transportiert das melodische Kolorit des gesprochenen Wortes die Botschaft einer permanenten Migration, einer ständigen Entwurzelung. Die Form des ‘Hta’ äußert sich nicht im Reim, sondern der Modulation der Stimme nach streng festgelegten Regeln.

Die Mehrheit der Karen sind einfache Reisbauern und betreiben eine vorbildlich nachhaltige Landwirtschaft. Sie funktioniert nach dem Rotationsprinzip und erlaubt im Gegensatz zur ’slash and burn’ Methode permanente Siedlungen zu unterhalten. Die Karen sind die berühmten ’Oozis’ oder Elefantenführer der burmesischen Holzwirtschaft und kompetente Forstwirte.

Die Karen sind nach den Burmanen die zweitgrößte ethnische Nationalität in Burma. Zahlen variieren je nach Quelle bedenklich, denn die letzte unabhängige Volkszählung stammt aus den frühen 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die meisten Quellen schätzen, dass 6 bis 7 Millionen Karen in Burma leben. In Thailand leben, zählt man etwa 150.000 Karen Flüchtlinge und 300.000 illegale Migranten hinzu, noch einmal etwa 1.1 Millionen. Zum Vergleich: Laos hat bei einer Fläche von etwa zwei Dritteln der Bundesrepublik rund 4.5 Millionen Einwohner.

Migration, Verdrängung, Vertreibung: durch über Jahrtausende gemachte Erfahrungen versuchen die Karen traditionell so abgelegen wie möglich zu siedeln und unter sich zu bleiben.

Ein Flickenteppich multi-ethnischer feudaler Kleinstaaten

Vor der Eroberung des Gebietes durch die Briten wird die Region von burmanischen Dynastien dominiert, die untereinander und mit ihren nicht-burmanischen Nachbarn permanent in Fehde liegen. Der britische Journalist und Kolonialbeamte Sir James George Scott bescheibt den Einzug der ‘Tibeto-burmanischen Horden’ entlang des Irrawaddy folgendermaßen: “Streitsüchtig wie die Spatzen. Während all der Jahre ihrer Wanderung (den Irrawaddy) hinunter kämpften sie permanent untereinander und vor allem gnadenlos gegen die Menschen die sie im Land vorfanden. Sie scheinen das Irrawaddy Tal um etwa 600 B.C. besiedelt zu haben.”

Als im frühen 19. Jahrhundert die ersten Missionare die Region bereisten fanden sie eine fast unüberschaubare Vielfalt an Ethnien vor. Im Westen lebten Rakhine, deren Königreiche sich in der burmesischen Staatschronik Mahayazawin bis ins Jahr 2666 B.C. zurückverfolgen lassen. Der gesamte Norden östlich der Flüsse Chindwin im Westen und Salween im Osten war Terra incognita und befand sich in einem Zustand der Völkerwanderung. Aus China einwandernde Kachin Völker, Lisu und Akha trafen auf die ansässigen Chin und Nagas, die noch bis ins 20. Jahrhundert Kopfjäger waren. Am südöstlichen Rand dieses Gebietes lebten die Pa-O, Karen die sich hier auf ihrer Wanderung niedergelassen hatten, neben den Palaung und den Lahu. Aus Familienklans erwachsene Lehen bestimmten das Shanplateau im Osten, auf dessen bewaldeten Bergen die Wa lebten, die von den Shan als ‘wild’ oder ‘zahm’ klassifiziert wurden, je nachdem ob sie noch Kopfjäger waren oder nicht. Marodierende Banden Han Chinesen aus den Bergen Yünnans drangen immer wieder in diese Kleinstaaten ein und trieben Gruppen von Yao und Hmong vor sich her. Südlich davon die Karenni, die als einzige Fraktion der Karen eine den Shan Staaten entliehene Struktur der Administration besaßen, denen sie tributpflichtig waren. In den Bergen südlich davon lebten S’kaw und Pwo Karen, die sich den westlichen Teil ihres Siedlungsgebiets mit Burmanen und den südlichen mit den Mon teilten, Überbleibseln der kulturträchtigen Mon-Khmer Dynastien, die hier vor den Burmanen geherrscht hatten.

Von diesem grünen Gürtel ethnischer Puffer geschützt geben sich die burmanischen Königshäuser leidenschaftlich internen Machtkämpfen hin und suchen außerhalb des heute als ‘Burma proper’ bezeichneten Kernlands nach ernstzunehmenden Gegnern mit lohnender Beute. Die finden sie im Königreich Siam. Derweil der burmanische König von Ava, Hsinbyushin, noch die Invasion Siams im Osten plant, überfällt er schon Manipur im Westen, treibt den Raja in die Berge und nimmt Tausende Manipuris als Sklaven. Im folgenden Jahr fällt er mit 2 Armeen nach Siam ein, überrennt Chiang Mai und nimmt im April 1767 die Hauptstadt Ayutthaya ein, tötet den König, plündert die Stadt und brennt sie nieder. Das wertvollste Beutegut sind die weißen Elefanten der Siamesen. Der Name Hsinbyushins wird fortan als dynastischer Titel gelten: Herr der weißen Elefanten. Bis heute pflegen burmesische Authoritäten in schärferen Kommuniqués die Thais abfällig ‘Yodhias’ zu nennen: die Geschlagenen von Ayutthaya.

Die nachfolgenden Könige von Ava erobern Manipur und Assam und machen sie zu burmanischen Provinzen. Die Zurückhaltung der Briten an den Grenzen zum Gebiet unter ihrem Protektorat wird von dem berühmten burmanischen König Bandula als berechtigte Angst vor seiner berüchtigten Armee ausgelegt. Als er auf Gebiet unter britischem Schutz vordringt, erklärt Großbritannien am 05. März 1824 dem König den ersten anglo-burmanischen Krieg.



Burma als östlichster Teil British India’s

Der Herr der weißen Elefanten

Weiße Elefanten sind im buddhistischen Südost Asien von höchster spiritueller Qualität: sie sind wiedergeborene Boddhisatvas. Sie werden von der reinen Seele Buddha’s persönlich bewohnt und haben als Königsmacher die Geschichte Burmas und Thailands mitgeschrieben. Ein Grund für die Jahrhunderte blutiger Kriege zwischen den Erzfeinden war der Kampf um die weißen Elefanten als prestigeträchtige Inkarnationen der göttlichen Herrschaft des friedfertigen Buddha. Traditionell haben die Könige in Burma, Thailand, Laos und Kambodscha die göttliche Beglaubigung ihrer Herrschaft mit dem Besitz weißer Elefanten nachgewiesen.

Nach dem zweiten verlorenen anglo-burmanischen Krieg und der endgültigen Eroberung des südlichen Teils von Burma (’Lower Burma’) mit der Besetzung Rangoons durch die Britische Kolonialmacht, gründet der geschlagene König Mindon eine neue Hauptstadt namens Mandalay. Im Juli 1857 zieht er aus Amarapura in den neuen Palast am Irrawaddi. Die gesamte Bevölkerung der alten Hauptstadt wird mit ihm umgesiedelt.

Kurz darauf wird ein weißes Elefantenkalb gefangen und mit königlichen Ehren in einer goldenen Barke in die neue Hauptstadt gebracht. Die göttliche Anerkennung des angeschlagenen Monarchen, der fortan wieder den dynastischen Titel ‘Hsinbyushin - Herr der weißen Elefanten’ trägt, ist so bedeutend für sein Volk, dass sich hunderttausende Menschen versammeln, um dem Tier die Ehre zu erweisen. Junge Frauen stehen Schlange am Palast, um das Elefanten Baby säugen zu dürfen. Tänze werden ihm zu Ehren aufgeführt und zur Nacht wiegen die Lieder der besten Sänger des geteilten Landes das Elefanten Kind in den Schlaf.

Was zunächst nach einer Stärkung der burmanischen Monarchie und seiner einst unschlagbaren Streitkräfte aussieht, erweist sich nur als kleiner Aufschub. Militärisch haben die Briten ‘Lower Burma’ fest im Griff, empfinden die Administration des reichen Landes jedoch als Bürde und können sich bis zum Ende der Kolonialzeit nicht wirklich mit der unwilligen Arbeitsmoral und der Feindseligkeit der burmanischen Bevölkerung anfreunden. Die Kriminalität in den Städten wie auch auf dem Land ist außerordentlich hoch und Banden sogenannter ‘Dacoits’ terrorisieren ganze Landstriche. Sie entkommen im allgemeinen unbeschadet nach ‘Upper Burma’ - in den nördlichen Teil Burma’s mit der neuen Hauptstadt Mandalay.

König Mindon versucht durch Handel und konziliante Diplomatie weiteren Machtverlust von seinem Hause fernzuhalten. Der letzte Hsinbyushin stirbt 1878. “He was the best King Burma ever had” schreibt James Scott. Für den Vizekönig der britischen Krone in Indien war er das allemal.



Der letzte burmanische König

Prinz Thibaw, sein Nachfolger, wird eine Woche nach dem Tod seines Vaters am 8. Oktober 1878 zum König ausgerufen. Seine Inthronisierung ist das Ergebnis einer Verschwörung im Palast in deren Verlauf die meisten seiner Blutsverwandten eingekerkert werden. Supayalat, die zweite von 3 für den Thronfolger vorbestimmten Prinzessinnen und schwanger mit seiner dritten Tochter wird König Thibaw überzeugen können, dass es die einfachste Lösung auf dem Weg zur Macht und das Beste für das Land wäre, die Verwandten umzubringen. Im Februar 1879 fallen etwa 80 Königinnen, Prinzen, Prinzessinnen und hohe Würdenträger dem brutalen Massaker zum Opfer. Der inoffizielle Vertreter der britischen Krone in Mandalay, Mr. Shaw, reicht ein markige Protestnote beim neuen König ein, der den Aufschrei der Entrüstung erstaunt zur Kenntnis nimmt. Nach kurzem Säbelrasseln verlieren die Briten, die sich auf die militärischen Konflikte mit den Zulus und in Afghanistan konzentrieren müssen, das Interesse und ihren Agenten noch dazu: Mr. Shaw verstirbt ein Jahr später überraschend an einer Herzattacke. Er wird nicht ersetzt und die Beziehungen zwischen der Kolonialmacht und der Monarchie kühlen dementsprechend ab.

König Thibaw erweist sich darüber hinaus als unwillig ‘Upper Burma’ zu regieren. Das Shan Plateau versinkt in einem unübersichtlichen Bruderkrieg, Banden von ‘Dacoits’ beherrschen die Straßen des Landes. Bhamo, der bedeutendste Flußhafen am Oberlauf des Irrawaddi wird von einer Handvoll chinesischer Marodeure eingenommen und Überfälle von bewaffneten Kachin bis vor die Tore Mandalay’s sind an der Tagesordnung. Das Chaos gefährdet zusehends die Sicherheit der Grenze der britischen Provinz ‘Lower Burma’.

Aber die eigentliche Bedrohung britischer Interessen kommt aus Europa. Die Franzosen, in Mandalay durch eine Botschaft vertreten und durch ihre Erzfeindschaft zu England natürliche Verbündete der burmanischen Monarchie, schlagen König Thibaw eine Kooperation für mehrere industrielle Großprojekte und eine Eisenbahnlinie vor. Ein Dorn im Auge der Briten und ein Zacken in ihrer Krone: mit den Franzosen in ihrem Vorgarten sehen die Briten nicht nur ihre wirtschaftlichen Interessen gefährdet, sondern geraten mit Tausenden von Kilometern grüner Grenze zu British India auch militärisch unter zunehmenden Druck.

Das Ende des letzen burmanischen Königs ist besiegelt, als Frankreich im franko-chinesischen Konflikt von 1883/84 mit Tonkin einen Teil des heutigen Vietnam erobert und damit einen veritablen militärischen Brückenkopf für die Kolonialisierung Indochine’s vorantreibt. Das ist den Briten entschieden zu nahe an Indien, dem asiatischen Herzstück ihres Imperiums. Im dritten anglo-burmesischen Krieg wird ‘Upper Burma’ in nur 2 Wochen ohne nennenswerten Verluste erobert und Mandalay am 28. November 1885 besetzt. Das Erstaunen der königlichen Familie im Palast soll grenzenlos gewesen sein.

König Thibaw, seine mörderische Gattin Supayalat, ihre 3 Töchter und eine kleine Schar Bediensteter werden erst nach Rangoon verschifft und dann unzeremoniell ins Ödland zwischen Bombay und Goa an die Westküste Indiens verbannt. Am 19. Dezember 1916 verstirbt der letzte burmanische König von der Öffentlichkeit nahezu unbeachtet im Exil der ehemaligen portugiesischen Kolonie Ratnagiri in Indien.

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