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30.06. - 16:39 h

Burma im Überblick, Vol II

Ein Land willkürlicher Grenzen

Bis zum 1. Januar 1886 haben die Briten ein Land in der fasson ihrer kolonialen Verwaltung geschaffen, dessen nördlicher Teil ‘Upper Burma’ jetzt ‘befriedet und zivilisiert’ werden will. Das stellt sich als unvergleichlich schwieriger dar, als die Absetzung König Thibaws. Das Land ist wild und die multiplen Ethnien im Dschungel der Berge heißen Eroberer im allgemeinen und britisch-indische Sepoys im speziellen nicht gerade willkommen. Diese Menschen unterschiedlichster Nationalitäten leben entweder schon immer bewußt unabhängig oder sind einer Abhängigkeit oder Unterdrückung durch dominante Völker entkommen und zollen nun nur ihrem Klan, ausgesuchten Autoritäten und sich selbst Rechenschaft. Sie sind damals wie heute furchterregende Gegner im Feld.

Die Opfer unter den Truppen British India’s werden schmerzhafter, vor allem durch die Härte der Kämpfe im Wald und die Krankheiten, die damit einhergehen. Wehrhafte Völker mit militärischer Tradition wie die Shan, Chin oder Kachin leisten Widerstand bis ins frühe 20. Jahrhundert.

Die willkürliche Grenzziehung des multi-ethnischen Gebindes ‘Burma’ führt bis heute mit den Nachbarstaaten Bangladesh, Indien, China, Laos und Thailand zu ernsten Flüchtlingsproblemen. Vielen Ethnien zerschneidet dazu eine nationale Grenze ihr traditionelles Siedlungsgebiet. Rohingya, Rakhine, Chin, Naga, Kachin, Wa, Kokang-Chinesen, Shan und Karen sind nicht etwa ‘ethnische Minderheiten’ dort wo sie leben, sondern die dort lebende Mehrheit der Bevölkerung. Trotzdem sind sie fast immer Bürger zweiter Klasse in ihrem eigenen Land.

Muße-Intensität und Fremdarbeiter

Die Briten haben ein Problem beim Aufbau ihrer Kolonie, denn die Burmanen sind bereits satt und glücklich. 2 Stunden muss ein Bauer auf dem Land im Schnitt pro Tag aufbringen um seine Familie zu ernähren: das ist wirtschaftlich sensationell und unerhört. Diese Ratio wird sogar noch von den Menschen in den größeren Städten unterboten und als die Briten ‘Lower Burma’ einnehmen gibt es dort bereits eine urban geprägte ‘middleclass’ die im Rest Südostasiens in dieser Form erst nach dem 1. Weltkrieg entstehen soll. Der Grund dieses Wohlstands ist der Reichtum an natürlichen Ressourcen und deren Erschließung durch die ökonomische Nutzung von Sklaven und billigsten Arbeitskräften, eine wirtschaftliche Strategie, die den britischen Eroberern nicht ganz fremd gewesen sein dürfte.

Die Burmanen geniessen eine Muße-Intensität, von der wir heute selbst im Urlaub nur träumen können. Den gestrengen Briten jedoch erscheint das als sündhafte Faulenzerei. Weder durch Bezahlung noch durch disziplinarische Maßnahmen läßt sich die Mehrheit der Bevölkerung dazu herab, Aufgaben wie Straßenreinigung oder Baumassnahmen zu übernehmen. Die koloniale Administration ist gezwungen Zehntausende indischer Arbeitskräfte einzuführen.

Missionare

Mit dem westlichen Sinn für Ordnung und Pünktlichkeit kommen auch christliche Missionare nach Burma, eine Tatsache die bei den burmanischen Buddhisten auf große Ablehnung stößt. Allein die vielen ethnischen Nationalitäten begreifen die Bibelschulen in den Städten als Chance für eine moderne Ausbildung. Im Dschungel der Berge im Hinterland kommt es jedoch auch zu wundersamen Massenbekehrungen.

Schon im frühen 19. Jahrhundert kommen baptistische Missionare nach Burma. Die Karen haben zwar eine eigene Sprache aber keine Schrift. Das silberne und goldene Buch ihrer schriftlichen Überlieferungen sind ihnen, so die durch die Poesie des ‘Hta’ transportierte Legende, auf der beschwerlichen Wanderung aus der Wüste Gobi über den Himalaja verloren gegangen und sie erwarten nun sehnsüchtig “den jüngeren Bruder weißer Hautfarbe, der übers Meer kommen wird und die Bücher zurückbringt”. Die blonden Täufer können ihr Glück kaum fassen: die Karen konvertieren zu Tausenden. Noch heute hält sich zäh das Gerücht, sie seien der “lost tribe of Israel”.

Die Missionare danken es den Karen mit der Transkription der Bibel ins Karen auf der Basis des burmanischen Alphabets. Mit der Schrift erschließt sich den Karen Ausbildung und ein Aufbruch in die moderne Zeit. Gleichzeitig wird die Kunstform des ‘Hta’ zur Überlieferung geschichtlicher oder spiritueller Ereignisse und gesellschaftlicher Regeln überflüssig. Heute ist diese Tradition darüber hinaus durch ‘Burmanisierung’ und das Verbot die Karen Sprache in Schulen und Universitäten zu unterrichten nahezu verloren gegangen. Nur noch wenige Karen sind dieser Form der Poesie mächtig.

Die koloniale Administration als Chance

Innerhalb kürzester Zeit entwickelt sich quasi unter britischem Schutz eine Schicht gebildeter Burmesen: selbstbewußte Einwohner des kolonialen Gebindes Burma unabhängig ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Für etwas mehr als ein Jahrhundert treten ethnische Animositäten zumindest in den Städten ein wenig in den Hintergrund.

Vor allem den urbanen Karen des Irrawaddy Delta bringt die Kolonialmacht England einen entscheidenden Vorsprung vor den dominanten Burmanen auf dem Weg zur persönlichen Unabhängigkeit. Viele stürzen sich mit Feuereifer auf die neuen Möglichkeiten, die Bildung und Entwicklung ihnen versprechen. Der Enthusiasmus der christlichen Karen überzeugt die britische Administration, die sie natürlich den leicht widerspenstigen buddhistischen Burmanen vorzieht. Das erste Mal in ihrer gemeinsamen Geschichte haben die Karen den Burmanen gegenüber einen Vorteil. Karen avancieren zu hohen Verwaltungsbeamten, Professoren und Politikern in Rangoon. Die urbane Mittelschicht Burma’s wird zusehends kosmopolitisch.

Die koloniale Administration als Nukleus radikaler Bewegungen

Das drückt bei weniger aufgeschlossenen Gemütern der burmanischen Mehrheit auf die Stimmung. Innerhalb weniger Jahre ist die siegreiche Streitmacht des Hsinbyushin marginalisiert, die Monarchie abgeschafft, der Buddhismus nur eine Religion unter vielen und die ehemaligen Sklaven verabschieden Gesetze. Am schlimmsten trifft den Stolz der Burmanen, dass die Assamesen, Manipuris und Bengalis, die als Hilfskräfte zur Strassenreinigung ins Land geholt wurden mittlerweile Kreditinstitute betreiben und einflussreiche Geschäftsleute sind.

Bald ziehen mit magischen Tattoos und Eisenstangen bewaffnete burmanische Nationalisten durch Rangoons Strassen und erschlagen Inder. Das 20. Jahrhundert ist in Burma angekommen und ethnische Animositäten werden nun noch durch religiöse Ressentiments und ideologische Präferenzen verstärkt. Außerhalb der großen Städte kommt es zu von den Briten wenig beachteten Pogromen und der östlichste Zipfel British India’s, von Anfang an ein wenig kohärentes Konstrukt des Kolonialismus, wird zur einer multi-ethnischen Falle der Gewalt.

Natürlich wollen die Burmesen vor allem die Unabhängigkeit von Großbritannien. Nationalistische Parteien wie die ‘Home Rule Party’ oder ‘Anti-Separationists League’ operieren und agitieren zunächst innerhalb des kolonialen Systems. Bald aber erscheint eine neue Generation junger radikaler Nationalisten auf der politischen Bühne, die im Mai 1930 die Dobama Asiayone (’Wir Burmanen’) gründen. Die Mitglieder der Bewegung adressieren einander mit dem Titel ‘Thakin’, ‘Herr’ oder ‘Meister’, um zu demonstrieren, dass sie, das Volk, die wahren Herrscher des Landes sind.

Die Dobama Asiayone bringt als nationalistische Plattform diejenigen Politiker und Militärs hervor, die bis heute die Geschichte Burma’s bestimmen, unter ihnen den Helden der burmesischen Unabhängigkeit Thakin Aung San und den ersten Premierminister der kurzen parlamentarischen Demokratie danach, Thakin Nu. Ein zu dieser Zeit wenig beachteter junger Mann namens Shu Maung muss 1930 ohne Abschluss die Rangoon Universität verlassen und wird Postbeamter. Er wird erst unter seinem nom de guerre in die Geschichte eingehen.
Er nennt sich Thakin Ne Win: ‘As brilliant as the sun’.


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