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05.07. - 07:00 h

Burma im Überblick, Vol. V

Der Bürgerkrieg

Mit Aung San stirbt auch der ‘Geist von Panglong’ und die Hoffnung der ethnischen Nationalitäten auf eine faire Beteiligung an der Regierung Burma’s. Doch auch auf der politischen Bühne Rangoons werden die Gräben rasant breiter und der Zerfall des Landes beginnt noch vor der Unabhängigkeit von Großbritannien. Die wird von U Nu, Aung San’s Nachfolger und dem britischen Premier Clement Attlee in London auf den 4. Januar 1948 festgelegt. Datum und Uhrzeit hat die zukünftige Regierung sorgfältig von ihren astrologischen Beratern auswählen lassen, denn die Politiker in Rangoon konsultieren trotz ihrer westlichen Aufgeklärtheit in wichtigen Fragen nach wie vor spirituelle Autoritäten. Um 04:20 Uhr morgens marschiert der letzte britische Soldat am Union Jack vorbei und die Fahne wird eingezogen.
Burma ist unabhängig.

Schon im November ‘47 kommt es zu Aufständen in Arakan, wo der buddhistische Mönch U Sein Da und seine Arakan People’s Liberation Party kleinere Städte angreift. Im Dezember erhebt der Muslim Jafar Kawwal Anspruch auf das gleiche Gebiet für einen islamischen Staat und startet die bewaffnete Mujahid Rebellion. In vielen Städten kommt es zu Demonstrationen von Karen, die sich übergangen fühlen. Am 10 März ‘48 verlaufen Verhandlungen zwischen der KNU Saw Ba U Gyi’s und U Nu’s AFPFL erneut ergebnislos. Derweil erschüttert ein von der KP Burma’s organisierter Streik Rangoon. Thakin Than Tun, der Parteivorsitzende spricht in Pyinmana vor 75.000 Menschen und ruft sie zur Solidarität mit den Streikenden in Rangoon auf. Das Land ist in Aufruhr.

Premierminister U Nu versucht die Notbremse zu ziehen und ordnet am 25. März die Verhaftung von Thakin Thun Tun an. Der lässt sich nicht einschüchtern und spricht stattdessen am gleichen Tag auf einer Veranstaltung vor 3000 streikenden Arbeitern: “Thakin (U) Nu will Frieden, also lasst ihn uns an den Platz ewigen Friedens schicken!” Am 28. März wird das Hauptquartier der Partei gestürmt, Thakin Than Tun und das gesamte Politbüro fliehen. Die Kommunistische Partei Burma’s, stärkste und am besten organisierte Kraft bar der AFPFL U Nu’s, geht in den bewaffneten Untergrund.

Gleichzeitig bilden sich auch die Milizen vieler anderer Gruppen. Die Mon organisieren ihre Mon National Defence Organisation (MNDO) nach dem Vorbild der KNDO der Karen und arbeiten eng mit ihr zusammen. Die Pa-O und Karenni ölen ihre englischen Lee-Enfield Büchsen, mit denen sie die Japaner und die BIA im Krieg besiegt haben. Die People’s Volunteer Organisations oder PVO’s dagegen werden immer unzufriedener mit ihrer zentralen Regierung in Rangoon und mit dem Premierminister und Parteichef der AFPFL ganz besonders. Sie werfen dem intellektuellen U Nu zu viel Nachsicht mit seinem einstigen Kommilitonen Thakin Than Tun von den Kommunisten vor.
Sie schießen auf alles was sich bewegt.

Am 2. April, fünf Tage nach der Razzia in Rangoon, stöbert eine Patrouille der Burma Army eine Gruppe flüchtiger Kommunisten in der verschlafenen Kleinstadt Paukkongyi im zentralen Burma auf. Die Regierungstruppen eröffnen das Feuer, die Kommunisten wehren sich. Etwa eine Stunde dauert der Kampf, bevor sich die schlecht bewaffneten KPB Rebellen in die Pegu Yoma, die bewaldeten Hügel südwestlich von Paukkongyi zurückziehen. Die erste reguläre Schlacht in Burma’s Bürgerkrieg fordert keine Verluste. Es soll der längste fortdauernde Konflikt zeitgenössischer Geschichtsschreibung werden.

Schwere Kämpfe brechen aus. Die KPB erobert in den nächsten Monaten eine Stadt nach der anderen und etabliert bereits im Juli eine kommunistische Administration im Distrikt Pegu, nachdem Teile der 1st und 6th Burma Rifles (Burifs) der Regierungsarmee desertieren und sich den Kommunisten anschließen. Gleichzeitig rebellieren die PVO’s, die von der paramilitärischen ‘Union Military Police’ unterstützt werden, die in einigen Landesteilen pikanterweise fast ausschließlich aus Karen Polizisten besteht. Das ZK der KPB beschließt nach 6 Monaten erfolgreicher Revolution mit einer Gegenstimme den bewaffneten Kampf fortzusetzen und mit der Enteignung der Großgrundbesitzer zu beginnen.

In den Karenni States wird der Politiker Beh Htoo Reh verhaftet, der schon 1947 der Unabhängigkeit Burma’s in dieser Form betont abgeneigt war. Die Karennis wären schon immer unabhängig gewesen. Als er wenig später zu Tode gefoltert wird, kommt es auch dort zu bewaffneten Unruhen. Im Vielvölkerstaat bricht sich radikaler Rassismus seine Bahn. In einem Vorort von Rangoon drohen burmanische Vigilanten eine Kirche abzufackeln, in der sich über 100 Karen befinden - Frauen, Alte, Kinder. Premier U Nu kann die Krise nur noch durch sein persönliches Erscheinen entschärfen. Derweil ist es kein Geheimnis, dass Mitglieder der Regierung insgeheim mit Deserteuren der Burma Army, Vertretern der rebellischen PVO’s und sogar den Kommunisten verhandeln, um sich ihrer Unterstützung gegen die Karen National Union und ihrer Miliz KNDO zu versichern. Bei allen politischen und ideologischen Differenzen im unabhängigen Burma: die ethnische Zugehörigkeit spielt die entscheidende Rolle.

Die Karen sind jedoch nach wie vor halbwegs friedlich. Die KNU ist als stärkste ethnische Organisation durch ihren Anwalt Saw Ba U Gyi in Rangoon vertreten und Verhandlungen mit der Regierung durchaus aufgeschlossen. Das ändert sich schlagartig als es zu weiteren Ausschreitungen gegen die Karen Bevölkerung im Irrawaddy Delta kommt. Am Weihnachtsabend 1948 attackieren Polizeikräfte simultan die Kirchen acht verschiedener Dörfer im Tavoy Distrikt und massakrieren die Gäste - Frauen, Alte, Kinder. Kurz danach werden Karen Dörfer im Taikkyi Township 60 Kilometer südlich von Rangoon bombardiert. Die Tageszeitung The Nation berichtet am 16. Januar, dass 20 Häuser und über 150 Karen den Bombern zum Opfer gefallen wären. “30 (Karen) Männer wurden vor den Ruinen ihrer Häuser aufgereiht und kaltblütig niedergeschossen.”

Der Postbeamte Ne Win ist mittlerweile Colonel und befehligt die 4th Burma Rifles,
die unerschütterlich hinter ihrem Kommandanten stehen und Kommunisten und Karen jagen. Sie beteiligen sich an den Gemetzeln in den Karen Dörfern am Irrawaddy und verbrennen im Anschluss die Baptist Mission School in Maubin nahe Rangoon. Der britische Historiker Hugh Tinker: ‘Über dem ganzen Irrawaddy Delta glühte der Himmel rot von brennenden Dörfern. Die Regierung (von U Nu) musste dem hilflos zusehen.”

Im Januar 1949 geht auch die Karen National Union in den bewaffneten Untergrund.
Die KNDO, bislang an die Zügel politischer Strategie gefesselt, erobert zunächst Twante, eine Stadt am Rande von Rangoon. Am 30. Januar wird die KNDO von der Regierung U Nu verboten. Hunderte Karen Milizionäre verlassen unter der Führung Saw Ba U Gyi’s ihr Hauptquartier und ziehen nach Insein, einer Stadt mit einer großen Karen Gemeinde nur 12 km nördlich von Rangoon. Sie entwaffnen die örtlichen Autoritäten. Am nächsten Morgen kommt es zum ersten Gefecht zwischen den Karen und der Burma Army, den Truppen der Zentralregierung in Rangoon. Die ethnische Spaltung des Landes hat begonnen; ein Bürgerkrieg zwischen Karen und Zentralgewalt, der bis heute wütet.

Drei Tage später befindet sich das gesamte Township Insein samt des lokalen Waffenarsenals fest in der Hand der Karen National Defense Organisation. Sogar Mingaladon, der Flughafen Rangoons nördlich der Stadt kann kurzfristig gehalten werden und das bis heute notorische Gefängnis von Insein wird gestürmt und 500 Gefangene befreit. Schützengräben und Straßensperren sind mit KNDO Truppen besetzt. Die Karen Bevölkerung versorgt ihre Kämpfer mit Nahrungsmitteln und aus dem nahen Rangoon kommen Karen Mediziner und Krankenhauspersonal um die Verletzten zu versorgen. Die Verluste sind hoch, aber die Moral der Truppe ist höher und die Stimmung unter den Karen Zivilisten euphorisch. Die Kämpfe setzen sich über Wochen fort und greifen bald auf andere Teile des Landes über.

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