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06.07. - 03:02 h

Burma im Überblick, Vol. VI

Meuterei

Ende Januar 1949 desertieren die im Weltkrieg kampferprobten 1st Karen Rifles der Burma Army und erklären, sich der KNDO in Insein anschließen zu wollen. Sie sind in Toungoo an der Eisenbahnlinie Rangoon-Mandalay stationiert. Ihnen folgen die 2nd Karen Rifles, die in Prome gegen die Kommunisten zu kämpfen haben, und versuchen Insein mit 20 Überlandbussen zu erreichen. Sie erobern eine Reihe von Städten, müssen sich aber kurz vor dem Ziel vor den Regierungstruppen zurückziehen. Die 3rd Karen Rifles, in Mandalay und Maymyo stationiert, werden von der Burma Army kurzerhand entwaffnet und interniert. Obwohl sie der Regierung U Nu’s gegenüber loyal sind werden alle Karen aus dem Militär entfernt. Der Oberbefehlshaber der Burma Army Lieut.-Gen. Smith-Dun wird ersetzt durch den Kommandanten der unverbrüchlichen 4th Burma Rifles Lieut.-Gen. Ne Win - ‘as brillant as the sun’.

Trotz der anfänglichen Erfolge der loyalen Einheiten der Burma Army über die aufständischen Karen wird die Bedrohung Rangoons offenkundig als kurz darauf die
1st Kachin Rifles desertieren, bis dahin eine der treuesten Truppen Rangoons im Kampf gegen die KPB. Jetzt wird ihnen befohlen die 1st Karen Rifles in Toungoo anzugreifen. Ihr Kommandant, der 27 jährige Naw Seng, ist ein hochdekorierter Kriegsheld und gilt als einer der fähigsten Offiziere der Burma Army. Aber wie viele Karen sind auch viele gebildete Kachin christlich und Naw Seng hat kein Verlangen seine Brüder im Namen der Burmanen zu bekämpfen, denen er sowieso noch nie vertraut hat. Am 21. Februar läuft er mit seinem gesamten Batallion zu den Meuterern der 1st Karen Rifles über. Von Toungoo aus erobern die ethnischen Kämpfer auf ihrem Weg nach Rangoon eine Stadt nach der anderen.

Tamla Baw, ein junger Lieutenant in den 1st Karen Rifles und heute Oberbefehlshaber der Karen National Liberation Army KNLA: “Meistens sind wir gelaufen, manchmal fuhren wir mit Lastwagen, dem Bus oder dem Zug. Es gab kein wirkliches Ziel oder Koordination – nur jede Menge Fantasie. Als wir den Flugplatz in Meiktila einnahmen, fielen uns auch zwei Dakotas nebst englischer und amerikanischer Besatzung in die Hände, die als Söldner die Flugzeuge für die Burmesen flogen. Ein Platoon Karen bestieg die eine Maschine und ein Platoon Kachin die andere. Dann flogen wir zum Militärflugplatz Ani Sakhan nordöstlich von Mandalay. Die Garnison dort erwartete natürlich einen Haufen wichtiger Besucher aus Rangoon und alle Offiziere standen auf dem Rollfeld stramm um die VIP’s zu begrüssen.” Statt dessen sehen sie in die Gewehrläufe der Karen und Kachin. Die Offiziere der Burma Army werden festgenommen und die Stadt Maymyo besetzt.

Am 13. März ‘49 fällt Mandalay, die zweitgrößte Stadt Burma’s, in die Hände der aufständischen Karen und Kachin Truppen. Die kommunistische Armee zieht kampflos nach Pyinmana ein und die KNDO steht 12 Kilometer vor Rangoon. In Arakan kämpfen sich muslimische, buddhistische und radikal kommunistische Rebellen nach Osten vor. Die KPB hält 200.000 Quadratkilometer befreite Zone und verwaltet über 6 Millionen Menschen in ihrem Gebiet. Die Mon Rebellen sind in Moulmein aktiv. Ein Jahr nach der Unabhängigkeit kontrolliert die burmesische Regierung wenig mehr als die Straßen ihrer Hauptstadt Rangoon.

Mit der Proklamation der Volksrepublik China durch Mao Zedong am 1. Oktober 1949 kommt ein weiteres mächtiges Problem auf Rangoon zu. Zwischen Januar und März 1950 sickern Tausende Soldaten Tschiang Kai-sheks Kuomintang (KMT) aus Yünnan über die Grenze, um sich zum Gegenschlag gegen Mao’s Volksarmee zu rüsten. Die KMT Kämpfer sind gut bewaffnet und organisiert - wo immer sie auftauchen, regieren sie auch. Die Burma Army, die fast die Hälfte ihrer Truppenstärke nebst Materials durch Desertation eingebüßt hat und wenig mehr als 2000 Soldaten ins Feld schicken kann überlebt den Ansturm von allen Seiten nur noch durch die Hilfe Indiens. Premierminister U Nu: “Pandit Nehru schickte ein paar Schiffsladungen mit modernen Waffen ohne die Burma sich nie erholt hätte. Jetzt konnten die untauglichen Gewehre der Kampftruppen ausgetauscht und neue Einheiten rekrutiert und ausgerüstet werden. Bald war die Burma Army wieder stark genug Städte und Dörfer zurück zu erobern.”

Saw Ba U Gyi, der charismatische Vorsitzende der KNU, der mit Vollbart und Barett ein wenig an Che Guevara erinnert, wird auf dem Weg zur thailändischen Grenze nordwestlich der Grenzstadt Mae Sot in der Nacht zum 12. August 1950 von einer Einheit der 3rd Burma Rifles erschossen. Er wird nach Moulmein gebracht, wo hunderte Menschen die Totenhalle stürmen um den blutigen Leichnahm des berühmten Karen Führers zu sehen. Nach dieser öffentlichen Zurschaustellung wird Saw Ba U Gyi unzeremoniell ins Meer geworfen, um die Karen der Möglichkeit eines Begräbnisses ihres Helden zu berauben. Einen Märtyrer haben die Burmesen dennoch aus ihm gemacht und das Datum ist neben ihrem Neujahr ein nationaler Feiertag der Karen.

Die Burma Army ist jetzt in der Lage Stadt um Stadt in ‘Burma proper’, dem Kernland der Burmanen, von ethnischen oder kommunistischen Aufständischen zu ’säubern’. Die Lage in den ethnischen Gebieten sieht jedoch nach wie vor anders aus. Große Teile des grünen Gürtels um ‘Burma proper’, mithin etwa 60% der Landfläche und damit deutlich größer als das heutige Deutschland entziehen sich der Kontrolle der Armee der Zentralregierung.

Auch auf dem Plateau der Shan States, die bestenfalls ein Paralleluniversum zu Burma darstellen und den Bürgerkrieg bis in die späten fünfziger Jahre relativ unbeschadet überstehen, regt sich jetzt Widerstand, denn die Shan wollen von ihrem auf der Panglong Konferenz konstitutionell verbrieften Recht Gebrauch machen und aus der ‘Union of Burma’ austreten. Das gleiche gilt für die ohnehin rebellischen Karenni.
In Rangoon werden solche Bestebungen überwiegend ignoriert. Die Offiziere der Burma Army, die durch ihre neuen Waffen und militärischen Erfolge gestärkt sind, bedienen sich den ehemals Tributpflichtigen gegenüber zuhehends der rüden Methoden ihrer japanischen Ausbilder aus dem zweiten Weltkrieg. Der Shan Literaturstudent Sai Pan: “… eine große Anzahl (Burma) Armee Strolche vergewaltigen unsere Frauen, schüchtern die Leute ein und säen rassistische Zwietracht. Die Shan taumeln zu Boden unter dem Donner der Geschütze, dem Marschieren der Stiefel, den Schlägen der Gewehrkolben und den barschen Befehlen. Die Paragraphen ‘volle Autonomie’ und ‘Gleichberechtigung’ von Panglong sind die Tinte auf dem Papier nicht wert. Die Unabhängigkeit hat wohl das Ende der britischen Fremdherrschaft markiert – aber in der Brutalität der faschistischen Burma Army einen würdigen Nachfolger gefunden.”
Große Teile des Shan State Plateau’s, sowie Karenni State im Süden und Kachin State im Westen versinken mit im Aufruhr des Bürgerkriegs. Die Armee muss die Rebellen zumindest in ‘Burma proper’ nicht mehr fürchten: sie hat ihre Stärke in der letzten Dekade verzehnfachen können und ist zu einem eigenen Staat im Staate Burma geworden.

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