Burmariders - Fahrradtour für Menschenrechte



 
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08.07. - 08:20 h

Burma im Überblick, Vol. VIII

Vier Schnitte

Die ‘Banditen’ von denen Ne Win redet, sind die Truppen der kommunistischen Partei Burma’s, die immer noch Teile des Landes kontrollieren und die Rakhine, Rohingya, Chin, Naga, Kachin, Lahu, Lisu, Palaung, Pa-O, Akha, Wa, Hmong, Shan, Padaung, Karenni, Karen und Mon, die mit unterschiedlichem Erfolg Teile ihres ethnischen Siedlungsgebiets organisieren. Die zivile Administration der Karen National Union, KNU stützt sich dabei auf das basisdemokratische Modell der Rückversicherung in der kleinsten administrativen Einheit, der Familie, und nennt ihr Land ‘Kawthoolei’ – das ‘Land der Blumen’. Die Offiziere der kampferprobten Karen Rifles haben mittlerweile neben den Milizen der KNDO eine reguläre Armee organisiert, die Karen National Liberation Army, KNLA. Natürlich genießt diese Regierung und ihre Streitkräfte in Kawthoolei die volle Unterstützung der Bevölkerung, denn die ‘ethnischen Minderheiten’ sind hier das Volk.

Ne Win will genau diese Bande zerschneiden. Er will den Bürgerkrieg, der bis dato zwischen bewaffneten Milizen und der Burma Army ausgetragen wurde, in die Hütten und Felder der Zivilisten aller aufsässigen ethnischen Nationalitäten bringen. Mit den notorischen ‘Four Cuts’ genannten Überfällen der Burma Army auf Kawthoolei will General Ne Win die KNU von der Unterstützung der Bevölkerung durch 1. Information, 2. Verpflegung, 3. Steuereinnahmen und 4. Rekruten abschneiden. Oft ist diese Strategie erfolglos und wird darum durch einem 5. Schnitt ergänzt: dem Abschneiden des Kopfes. Die ‘Four Cuts’ sind der Grundstein des Konzepts des Terrors gegen die Zivilbevölkerung, der im gesamten ‘grünen Gürtel’ bis heute an der Tagesordnung ist.

Im ‘Burma proper’ der Städte am Irrawaddy entwirft zur gleichen Zeit ein Protegè General Ne Win’s das gleiche Konzept für das urbane Milieu: Colonel Khin Nyunt organisiert als Chef des ‘Directorate of the Defence Service Intelligence’ (DDSI) den furchteinflößenden militärischen Geheimdienst Burma’s. Jeder Aspekt des Lebens soll von ihm durchdrungen werden und der Terror den er verbreitet erinnert an die berühmte ‘Anka’ Pol Pot’s. Khin Nyunt’s Einheiten werden auch jenseits des Flusses tätig: in Gebieten Kawthoolei’s, die tagsüber von der Burma Army und nachts von der KNU kontrolliert werden. Im Volksmund heißen sie ‘Shorts-’ oder ‘Swish-’ Brigaden. Joviale Männer ohne Gepäck und in kurzen Hosen, die lächelnd das Dorf betreten und gegen Abend handgeschriebene Namenslisten herumreichen. Todesschwadronen mit dem Namen Sa Ton Lon Dam Byan Byaut Kya (SSS Anti Guerrilla Retaliation Unit) die zu viert kommen und keine Kugel auf ihre Opfer verschwenden, sondern ihnen die Kehle durchschneiden. ‘Swish’ steht lautmalerisch für Messer. Perfides Element des Terrors: niemand in den Karen Dörfern weiß, wer wann oder warum auf den SSS Listen steht.

General Ne Win sät nicht nur Zwietracht zwischen den ethnischen Nationalitäten in seinem Staat sondern vertieft die Gräben in der politischen Szene Rangoon’s bis zur Unversöhnlichkeit. Während der ‘geheime’ Krieg einen Steinwurf östlich durch das Nachbarland Laos tobt, versteht er es unter dem Radar der Supermächte zu bleiben, die Chinesen davon zu überzeugen ihre Unterstützung für die KPB einzustellen, die Amerikaner davon den ‘Krieg gegen das Heroin’ mit Lieferungen von Helikoptern und ‘Agent Orange’ zu unterstützen, Indien zu immer neuen Waffenlieferungen und die Bundesrepublik Deutschland zur Auslieferung von Heckler & Koch G3 Sturmgewehren zu bewegen.

Das vorgehaltene G3 in den Händen burmesischer Besatzer im grünen Gürtel der ethnischen Nationalitäten beraubt nicht nur die Karen, Shan und Kachin ihrer Menschenrechte, sondern auch die Burmanen. Die großangelegten militärischen Operationen gegen oppositionelle Kräfte im Land beschränken sich schon lange nicht mehr nur auf den rassistisch geprägten burmanischen Vormachtsanspruch, sondern dienen bis heute dem Erhalt einer militärischen Clique, die ihre Macht und Privilegien auch in Zukunft mit niemandem teilen wird.

Der volkswirtschaftliche Absturz auf dem ‘burmesischen Weg des Sozialismus’ beginnt mit der massiven Verstaatlichung von Banken, Handel und Industrie. Ausländische Investoren, die nicht schon 1962 die Segel gestrichen haben, suchen spätestens jetzt einen Weg aus dem Schlamassel. Am Ende haben sie die Krise in Burma durch die Finanzierung der Militärdiktatur mit verursacht. Karen Reisfarmer werden aus ihren traditionellen Siedlungsgebieten im Irrawaddy Delta vertrieben, ihre Häuser und Reisfelder anderen Familien zugesprochen. Zwischen Januar und April 1971 ziehen sich auch die letzten Karen und KPB Kämpfer aus dem Delta in die Berge zurück. Die Menschen in Burma werden zu Geiseln im Kampf um den Alleinherrschaftsanspruch des Militär. All das geht den Medien der Weltöffentlichkeit durch die Konzentration auf den Vietnamkrieg verloren.

Die U Thant Krise

Trotz allem ist Burma bis in die frühen 70er Jahre der aufstrebende Stern unter den Volkswirtschaften Südost Asiens und im Vergleich zu seinen Nachbarn reich. Das internationale Ansehen des Landes wird dazu durch den 3. Generalsekretär der Vereinten Nationen U Thant hochgehalten, der bereits vor dem Putsch Ne Win’s ins Amt gewählt wurde. U Thant legt aus gesundheitlichen Gründen 1971 sein Amt nieder und stirbt ‘74. General Ne Win neidet dem Politiker seine große Popularität, noch dazu ist
U Thant mit U Nu befreundet und ein Demokrat, der mit Kritik am Militärregime nicht zurückhält. Ne Win würde ihn gern ohne großes Aufsehen unter die Erde bringen, doch das mißlingt ihm gründlich. Als am 5. Dezember ‘74 der Sarg U Thant’s aus New York in Rangoon eintrifft, zollen Zehntausende in den Sraßen ihrem berühmten Landsmann die Ehre. Am Rande werden von Studenten und Mönchen auch Ne Win feindliche Parolen skandiert.

Bei dem Zwischenfall der als ‘U Thant Krise’ in die Geschichte eingeht, gelingt es einigen Studenten, den Sarg des Verstorbenen zu entwenden und auf dem Gelände des ‘62 von Ne Win gesprengten Gebäudes der ‘Student’s Union’ zu verstecken, wo sie U Thant ein ‘Mausoleum’ bauen. Am 11. Dezember stürmt die Armee das Gelände, erschießt eine unbekannte Anzahl Studenten und verhängt das Kriegsrecht. Am nächsten Tag werden bei den Demonstartionen auf den Straßen Rangoon’s wieder hunderte Menschen erschossen und alle Schulen geschlossen.

Gibt es bis zur U Thant Krise noch Ansätze einer Zivilgesellschaft, in den Universitäten und Schulen noch Professoren und Lehrer ethnischer Herkunft, verschlechtert sich deren Situation zusehends. Die extrem xenophobe Regierung um den paranoiden Diktator verbietet den Unterricht in ethnischen Sprachen und entläßt alle Staatsdiener, die nicht bereit sind ihren Namen in einen burmanisch klingenden zu ändern. Die Militarisierung der Gesellschaft geht so weit, daß die Zivilisten der Armee zu dienen haben und nicht umgekehrt. Bald zählt der einfache Gefreite in Burma mehr als der Arzt oder Professor. Auch das erinnert an Pol Pot’s Anka.

Bürger zweiter Klasse

Das Gefälle ist noch wesentlich steiler, wenn es sich bei dem Gefreiten um einen Burmanen und dem Professor um einen Karen handelt. Bis zum Anfang der 80er Jahre schafft es die Militärdiktatur, nahezu alle nicht-burmanischen Staatsbediensteten in die Verbannung zu treiben. David Tarc K’Baw, heute 2. Generalsekrtär der KNU:
“Bis 1978 habe ich an einer Hochschule in Rangoon Physik und Chemie unterichtet. Die Karen wurden nicht nur durch die ‘Four Cuts’ Offensiven auf dem Land vertrieben, sondern auch auf allen anderen Ebenen gesellschaftlich an den Rand gedrängt. Ich durfte meine eigene Sprache nicht sprechen. Als ich meinen Namen ändern sollte, bin ich mit meiner Familie nach Kawthoolei geflüchtet und habe mich der Karen National Union angeschlossen.”

Schon damals ist die Strategie der KNU ausnahmslos defensiv, ein militärischer Sieg im Sinne einer Sezession von Burma steht selbst bei Hardlinern der KNU/KNLA seit langem nicht mehr zur Debatte. Statt dessen werden die Teile Kawthoolei’s verteidigt, die die KNLA zu kontrollieren und die KNU zu verwalten in der Lage sind. Auf politischer Ebene werden Allianzen mit dem ethnischen Widerstand in anderen Landesteilen eingefädelt und gepflegt. Nicht ein eigener Staat ist das Ziel der KNU, wie die Militärs in Rangoon gern behaupten, sondern ein Zusammenleben in einem Burma, in dem alle Nationalitäten die gleichen Rechte haben.

Trotzdem setzt Ne Win nicht auf Gespräche sondern blanke Gewalt. Er rüstet die Burma Army in einem schwindelerregendem Tempo zur größten Streitmacht Südost Asiens auf. Der Geheimdienst seines Protegés Khin Nyunt, die Polizei und lokale Bürgerwehren tun ihr Übriges, um den Widerstand gegen die Militärdiktatur zu unterdrücken. Das kostet sehr viel Geld. Am Ende der 80er Jahre zählt Burma plötzlich trotz reicher natürlicher Ressourcen zu den ärmsten Ländern der Welt und hängt am Tropf internationaler Hilfsorganisationen. Der Kyat, die Burmesische Währung stürzt ins Bodenlose und ist in der Hälfte des Landes schon längst nicht mehr Zahlungsmittel. Früher stützte sich der Außenhandel auf Reis, heute liegen viele Felder brach, weil das Militär die Bauern vertrieben hat. Exportschlager #1 ist Heroin. Das Regime kooperiert auf höchster Ebene mit der US Behörde DEA (Drug Enforcement Administration) und lässt gleichzeitig vom Fußvolk der Burma Army das Material ihrer Raffinerien im goldenen Dreieck auf dem Grossmarkt in Hongkong und Taiwan verkaufen. Das klingt zunächst bauernschlau ist aber eine derartig transparente Strategie, dass selbst die Amerikaner irgendwann den Braten riechen und abspringen.

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