Burmariders - Fahrradtour für Menschenrechte



 
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10.07. - 02:25 h

Burma im Überblick, Vol. X

Der Aufstand vom 08.08.’88

Zunächst muß Burma 3 Monate nach der “Währungsreform” LDC, ‘Least Developed Country’ Status bei der UN anmelden, eine Tatsache die den Stolz der Burmesen gründlich erschüttert, werden sie doch vor der gesamten Weltöffentlichkeit auf gleiche Stufe mit Haiti, Liberia oder dem ungeliebten Nachbarn Bangladesch gestellt. Burma ist jetzt eines der fünf ärmsten und unterentwickeltsten Länder der Welt. “Die Aufführung ist vorbei, aber die Zuschauer werden gezwungen sitzen zu bleiben und der Schauspieler weigert sich von der Bühne zu gehen”, beschreibt ein Zeitzeuge die Stimmung in Rangoon. Die Bürger des Landes haben genug und es fehlt nur der Funke, der das Fass zum Überlaufen bringt.

Erneut sind es die Universitäten und Schulen, die zu den Brutstätten zivilen Ungehorsams werden. Am 18. März 1988 demonstrieren Zehntausende gegen Ne Win und für demokratische Wahlen. Die Burma Army schreitet mit aller Gewalt ein, Studenten werden zu Tode geprügelt. Gefangene Aktivisten werden in Polizeifahrzeuge gezwängt und danach stundenlang in der Sonne stehen gelassen: 42 Menschen sterben den Erstickungstod. Aber die Brutalität kann die Proteste nicht aufhalten, sondern facht das Feuer nur noch an. Eine massive pro-demokratische Bewegung ist geboren, die sich durch alle Schichten der Bevölkerung zieht.

Das allgemeine Gefühl der Zuversicht beruht auf der Tatsache, daß das burmesische Volk etwa 40 Millionen Bürger gegen eine Handvoll Militärs der regierenden Elite in die Waagschale wirft. Die Menschen argumentieren, dass sich die Clique um den Diktator nur an der Macht halten kann, weil sie die 200.000 Soldaten der Burma Army hinter sich haben. Der einfache Gefreite der Armee ist aber auch nur einer von ihnen: natürlich würden die Truppen einsehen, daß es sinnlos ist eine Regierung zu verteidigen, die jegliche Unterstützung im Volk verloren hat. Von einer erneuten Runde von massiver Demonstrationen wird die regierende Burma Socialist Programme Party von General Ne Win im Juni zu einem ausserordentlichen Kongress gezwungen. Der 77 jährige General betritt das Podium neben seinem Geheimdienstchef Khin Nyunt und gibt seinen Rücktritt als Parteivorsitzender bekannt. Er setzt seinen alten Vertrauten der 4th Burma Rifles Sein Lwin ein, der 1950 Saw Ba U Gyi getötet hatte und für sämtliche Massaker an den Studenten seitdem verantwortlich ist. Ne Win beendet seine Rücktrittsrede mit einer Warnung: “Ich möchte die gesamte Nation, alle Menschen wissen lassen: wenn es in Zukunft wieder zu Unruhen durch den Mob kommen sollte und die Armee schießen muss, dann trifft sie auch! Es wird keine Warnschüsse in die Luft geben!”

Die Menschen sind geschockt – und maßlos verärgert. Die Demokratie Bewegung ruft mit Flugblättern zum Generalstreik auf. Der soll am 08.08.88 beginnen, einem äußerst vielversprechendem Datum. Um 08:08 Uhr verlassen die Hafenarbeiter die Docks der Hauptstadt. Die Menschenmenge wird größer und marschiert in’s Zentrum Rangoon’s.
Viele tragen Plakate mit Portraits ihres ermordeten Nationalhelden Thakin Aung San, der für sie das symbolisiert was Burma nach der Unabhängigkeit sein sollte, aber nie geworden ist: friedlich, demokratisch und wohlhabend. Die Massendemonstrationen beschränken sich nicht auf Rangoon. In den Städten des ganzen Landes sind Millionen Menschen auf den Straßen. Allein in Rangoon sind es Hunderttausende. Bald ist die Innenstadt vollgestopft mit jubelnden Demonstranten. Die Handvoll ausländischer Journalisten in Rangoon werden für jedes Foto angefeuert, einige junge Demonstranten stellen sich vor die Linien der Soldaten, reißen sich das Hemd vom Leib und rufen: “Erschieß mich, wenn du dich traust!” Obwohl überall Soldaten mit Maschinengewehren stehen, ist die Stimmung bis in den Abend euphorisch. “Wir dachten beinahe, wir hätten gewonnen und die Regierung würde aufgeben.” sagt Ko Lin, damals 21 jähriger Student der Medizin. Um 23:30, es sind noch Tausende Menschen auf dem Platz vor der Sula Pagode versammelt, fahren Militärlastwagen vor. Ein unfassbares Blutbad beginnt als die Maschinengewehre das Feuer auf die Menschen eröffnet. In den nächsten Tagen werden den Angaben des US State Department zufolge allein in Rangoon 2000 Menschen erschossen: “… aber die wirkliche Anzahl von Todesopfern bleibt völlig im Dunkeln. In vielen Fällen haben die Truppen sofort nach der Einstellung des Feuers die Leichen auf Lastwagen geladen und abtransportiert, um das Ausmaß der Massaker zu vertuschen.”

Das Morden nimmt erst am 13. August ein Ende. Im Radio wird der Rücktritt Sein Lwin’s und der Rückzug der Armee aus Rangoon verkündet. Ein versöhnlicher Kurs soll gefahren werden. Das überzeugt die Menschen nicht, ein neuer Generalstreik wird ausgerufen und das Land kommt zum Stillstand. In jeder Stadt und jedem größeren Dorf in ‘Burma proper’ von Myitkyina im Norden bis zur Südspitze des Victoria Point kommt es zu täglichen Massendemonstrationen in einer Größenordnung, die man in Südost Asien bis dahin und seither nie wieder gesehen hat.

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