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14.07. - 17:07 h

Burma im Überblick, Vol. XV

Terror

Am Montag, dem 24. Januar 2000 besetzen zehn burmesische Terroristen das Zentralkrankenhaus im thailändischen Ratchaburi unweit der Grenze und nehmen Belegschaft und Patienten als Geiseln. Schnell ist in der Presse ausgemacht, dass es sich um die ‘God’s Army’ Rebellen der Zwillinge Johnny und Luther Htoo handeln muß. In einer Kommandoaktion thailändischer Spezialeinheiten werden in der Nacht zum Dienstag alle Geiselnehmer erschossen. Am Mittwoch bereits werden sie ohne weitere Untersuchung verscharrt. Die ‘Bangkok Post’ vom Mittwoch zitiert eine anonyme Geisel, die aus dem Fenster gesehen haben will, dass die Polizei die Rebellen mit vorgehaltener Waffe gezwungen habe, sich zu entkleiden und hinzuknien. Dann habe man ihnen in den Kopf geschossen.

Als Wochen später die Namen der zehn Besetzer veröffentlicht werden, bestätigt sich der Verdacht, daß es sich nicht um Karen, sondern eine Gruppe burmesischer Dissidenten namens ‘Vigorous Burmese Student Warriors’ gehandelt hatte. Mitglieder der gleichen Organisation hatten bereits im Oktober 1999 die burmesische Botschaft in Bangkok gestürmt und sich nach geglückter Flucht bei Johnny und Luther in Burma versteckt. Eine Reihe von Leuten behauptet heute, die Studenten hätten die arglosen Karen über ihr Vorhaben im Dunkeln gelassen und den Schutz, den sie im Camp der Zwillinge genossen, für die Vorbereitungen ihrer Geiselnahme mißbraucht. Es ist das Ende der ‘Armee Gottes vom heiligen Berg’ und der Magie ihrer kindlichen Kommandanten.

Trotz nie dagewesener Medien Präsenz wird ‘God’s Army’ durch gezielte Grausamkeiten der Burma Army an der Karen Zivilbevölkerung in die Defensive gedrängt. Ihr potentielles Ausweichgebiet in Thailand, in dem Johnny und Luther bis vor ein paar Wochen mit den Grenztruppen Fußball gespielt hatten, ist ihnen jetzt verschlossen. Schlimmer noch: Thailand ist über die Verletzung seiner territorialen Souveränität so verärgert, dass die 9. Infanterie Division an der Grenze den Burmesen gestattet, über thailändisches Gebiet die Karen Rebellen rücklings anzugreifen. Um diese Angriffe zu unterbinden legt ‘God’s Army’ Landminen im unklaren Grenzverlauf: vier thailändische Infanteristen werden durch Explosionen getötet. Die Thais bombardieren daraufhin die Stellungen der Rebellen in Burma mit Mörsergranaten. Fast 300 Karen Flüchtlinge, die bei den Zwillingen Schutz vor der Burma Army gesucht haben, kommen im Sperrfeuer ums Leben.

Die Situation wird verzweifelt. Auf der Flucht und ohne Lebensmittel bricht ‘God’s Army’ in drei kleine Gruppen auseinander. Je eine wird von Johnny und Luther angeführt, die sich über Walkie-Talkies verständigen. Der Kommandant der dritten Gruppe ist ein weiterer Zwölfjähriger namens Chopa Thupli, oder ‘König der schwarzen Zunge’. Dieser Junge soll die Reinkarnation des Siamesischen Kriegshelden Tak Sin des Großen sein, der vor 200 Jahren Ayutthaya befreit und Hsinbyushin, den Herrn der weißen Elefanten besiegt hatte und nun als Karen zurück gekommen sei, um sein Werk fortzuführen.
Als Galionsfiguren einer Geisterarmee und vermeintlich Verantwortliche für die desaströse Entwicklung nach der Geiselnahme verlieren die Zwillinge jede Unterstützung der Karen National Liberation Army, die unter extremen militärischen Druck von beiden Seiten der Grenze gerät.

Von allen Seiten umzingelt kapitulieren Johnny und Luther Htoo nachdem sie ihr Basislager Ka Mar Pa Law an die Burmesen verlieren. Von Hunger und Erschöpfung gezeichnet stellen sie sich im März 2000 den Thailändischen Behörden. “Macht die Nachrichtenwelt zu viel aus den Karen Zwillingen Johnny und Luther Htoo?” fragt die Straits Times am 11. April. Tatsache ist, dass die Korrespondenten der Welt Schlange stehen, um die beiden Kinder zu sehen. UNO Repräsentant und Premierminister reichen sich die Klinke in die Hand.

Nach dem Interesse der Weltpresse an seiner Person gefragt, gibt der langhaarige Johnny an, Angst zu haben. Luther beklagt, seine Eltern vermisst zu haben und umarmt verzweifelt seine Mutter. Die Eltern der Kinder sind einfache Bauern und nicht mit übernatürlichen Kräften ausgestattet. “Was mich am meisten berührt hat…” so der New York Times Fotograf Jason Bleibtreu, ” war, dass die Zwillinge ständig von ihrer Mutter gedrückt werden wollten. (Luther) setzte sich zu mir und legte mir die Hand auf die Schulter, ich hatte das Gefühl er wollte, dass auch ich ihn in den Arm nehme. Er sprang von einem Schoß in den nächsten. Es war traurig. Als Vater fühlte ich: dieser Junge braucht Zuneigung.”

UNICEF Direktor Kul Gautam bezeichnet das Verhalten der beiden nach ihrer Kapitulation als Mischung aus dem klassischem ‘300 Meter Starren’ und kindlichem Mutwillen. “Die Zwillinge haben gegen Burmesische Soldaten gekämpft, seitdem sie neun Jahre alt sind und haben aufgehört zu zählen, wie viele sie getötet haben. Sie sind Entwurzelte, die jeden Tag den Tod oder die Verstümmelung vor Augen hatten. Wenn ich an das Schicksal dieser beiden Jungen denke, deren Mut und Tapferkeit so zynisch glorifiziert werden, kann ich nur noch verärgert sein, empört über die Erwachsenen, die sie manipuliert haben.”

“Ganz normale Kinder” sagt der Thailändische Premierminister Chuan Leekpai während er Luther über den Kopf streicht “ich wünsche mir, dass sie an der Seite ihrer Eltern leben und wie alle anderen Halbwüchsigen zur Schule gehen können.” Er setzt sich dafür ein, dass die Kinder als Bürgerkriegsflüchtlinge anerkannt werden.

Die KNLA, von der ‘God’s Army’ 1997 abgesplittert ist, hat international einen enormen Ansichtsverlust durch die Zwillinge erlitten. Nicht nur, dass sie sich in der sprichwörtlichen Naivität der Karen vor einen fremden Karren spannen ließen oder fragwürdigen spirituellen Führern auf den Leim gingen, von der politischen Perspektive neunjähriger Kinder mal ganz abgesehen, haben sie das traditionell gute Verhältnis der Karen mit den Thais an der Grenze nachhaltig gestört. Der Super GAU jedoch ist, daß die Karen das erste Mal in ihrem bis dahin 50-jährigen Freiheitskampf gegen die Zentralregierung in Rangoon mit ‘Terrorismus’ und ‘Geiselnahme’ in Verbindung gebracht worden sind. Ein gefundenes Fressen für das Burmesische Staatsorgan ‘New Light of Myanmar’ und ein schwerer Schlag ins Gesicht der für ihre ans arglos grenzende Fairneß bekannten Karen.

Die Zwillinge mit den schwarzen Zungen sind heute 21 Jahre alt, als Kriegsflüchtlinge anerkannt und leben hermetisch abgeschirmt im Lager Ban Ton Yang. Die Vereinigten Staaten von Amerika, in denen christlicher Fundamentalismus nicht ganz unbekannt ist, haben Johnny und Luther Htoo Asyl angeboten. Die beiden ziehen dem Exil jedoch ein Leben mit ihren Eltern im Flüchtlingslager vor und hoffen auf eine Zeit nach der Militärdiktatur.

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