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17.07. - 07:12 h

Burma im Überblick, Vol. XVII

Machterhalt

Der öffentlichen Meinung wegen entlässt die Junta hin und wieder Aktivisten der Demokratiebewegung – nach fast 20 Jahren Haft. Offiziell sitzen noch etwa 1000 in den Gefängnissen. Seit die SLORC/SPDC 1990 die Wahlen annulliert hat ist Aung San Suu Kyi eine zwar unbequeme aber doch sehr nützliche Geisel im diplomatischen Spiel um Geld: Wirtschaftshilfe, Entwicklungshilfe, humanitäre Hilfe fließen immer dann reichlich, wenn die Nobelpreisträgerin von 1991 mal wieder aus dem Hausarrest entlassen wird.

Daß dies keinerlei politische Konsequenzen für die ethnischen Nationalitäten im Land oder auch nur die leichteste Verbesserung ihrer Notlage mit sich bringt offenbart das von der SPDC kalkulierte Informations- und Handlungsdefizit der Weltöffentlichkeit. Die Weltöffentlichkeit reagiert mit einem Seufzer der Erleichterung als am 6. Mai 2002 im offiziellen Parteiorgan ‘New Light of Myanmar’ bekannt gegeben wird, dass im Zuge des stetigen, erfolgreichen Demokratisierungsprozesses in Myanmar Daw Aung San Suu Kyi, Oppositionsführerin der NLD, um 12.00 Uhr auf freien Fuß gesetzt wurde.

Was zunächst nach einem Grund zum Feiern aussieht, entpuppt sich schnell als von der burmesischen Militärdiktatur SPDC inszenierte Farce. Aung San Suu Kyi darf zwar ihr Haus verlassen, wird aber auf Schritt und Tritt überwacht. Während weiterhin NLD Aktivisten verhaftet werden, spricht Aung San Suu Kyi auf Veranstaltungen ihrer Partei. Sie selbst ist unglücklich der ‘Lockvogel’ für die internationale Presse zu sein. Sie weiß selbst, daß sie an der kurzen Leine gehalten wird.

Denn würden die SPDC Generäle sie auf Dauer freilassen und den Weg für eine graduelle Demokratisierung durch Gespräche mit ihr ebenen, würden sie sich selbst die Schlinge um den Hals legen. Die militärische Elite in Rangoon hat neben ihren Privilegien vor allem ihren Kopf zu verlieren. Es ist schwer vorstellbar, daß das Versprechen Aung San Suu Kyi’s oder das des ethnischen Widerstandes auf volle Amnestie im Falle einer Einigung das burmesische Volk lange von der Rache an ihren Peinigern abhalten könnte. Und die Peiniger erweisen sich ein Jahr später wie immer als höchst effizient.

Am 31. Mai 2003 gibt es als Randnotiz im Radio eine Meldung: Eine Autokolonne Aung San Suu Kyi’s, die mit 300 Parteimitgliedern und Sympathisanten auf einer Tour durch den Norden Burmas unterwegs war, wurde im Depayin Township in eine Massenschlägerei verwickelt und die Friedensnobelpreisträgerin festgenommen.

Depayin

Mehr ist der Meldung zunächst nicht zu entnehmen. Der Übergriff, von Augenzeugen und Diplomaten an den Tagen danach zusammengesetzt, erscheint selbst angesichts der menschenverachtenden Standards des Regimes in Rangoon außerordentlich brutal. Die Attacke wurde von Mitgliedern der ‘Union Solidarity Development Association’ (USDA) geplant, deren Vorsitzender General Than Shwe ist – Vorsitzender der SPDC und ‘Premierminister’ Burma’s. “Erwähnt man nur ihren Namen, kriegt der General einen Anfall” sagt UN Unterhändler Razali Ismail über Than Shwe’s Verhältnis zu Aung San Suu Kyi.

Ausgeführt wird der Anschlag von etwa 600 rekrutierten Insassen der Haftanstalten des nahegelegenen Mandalay, die in Zivil oder als buddhistische Mönche verkleidet 70 oppositionelle Demokraten mit Eisenstangen totschlagen. Die Angreifer schlagen die Scheiben der Autos ein und rammen angespitzte Bambus Speere in die Passagiere, reißen den Frauen die Kleider vom Leibe, schlagen den Dissidenten mit Steinen die Schädel ein. Durch den Weitblick ihres Fahrers überlebt Aung San Suu Kyi das Massaker und wird wenig später festgenommen.

Diplomaten der US Botschaft in Rangoon berichten, dass der Überfall ein gut geplanter Hinterhalt gewesen sei. Demnach verließ die Ikone der demokratischen Opposition am Abend des 30. Mai gegen 06.30 mit ihrem Konvoi Butalin Township mit dem Ziel Depayin. Viele hundert Menschen stehen an der Straße, um Aung San Suu Kyi und ihre Begleiter willkommen zu heißen. Um 08.30, fünf Kilometer vor Depayin, hält ein Mönch die Kolonne an und bittet Aung San Suu Kyi um eine Ansprache. Zur gleichen Zeit schließen Wagen mit USDA Mitgliedern zu dem Konvoi auf und beginnen die Bevölkerung mit Eisenstangen und Bambus Speeren zu attackieren. Die unbewaffneten Demokratie Aktivisten rufen die Leute auf, nicht zu reagieren. Dann sind sie an der Reihe. Es beginnt eine Orgie der Massengewalt an unbewaffneten Zivilisten.
Soldaten der Burma Army kommen hinzu, Schüsse sind zu hören.

Das Morden setzt sich bis in die Nacht fort. Mitgliedern der NLD Aung San Suu Kyi’s reißt man die Kleider vom Leibe, Frauen werden inmitten des Grauens vergewaltigt, Körper, die sich noch bewegen unbarmherzig totgeschlagen. Lastwagen kommen um die Leichen und Verletzten abzufahren; sie sollen gemeinsam mit den Toten verbrannt worden sein.

Die Asian Tribune veröffentlicht folgendenden Bericht eines Augenzeugen:

“Mein Name ist Kyaw Lwin, ich bin 30 Jahre alt. Ich arbeite als Kraftfahrer Assistent auf dem Nissan DU 2 mit dem Nummernschild ‘khakwe – 1962′ für den Besitzer des Wagens U San Myint, Tel.: 68 1229. In Wahrheit gehört der Wagen dem militärischen Geheimdienst MI.

Normalerweise transportieren wir Güter von Rangoon nach Monywa. Dort waren wir auch, als das Armee Kommando Nord West 10-Achser wie den unseren requirierte, die wir ab dem 28. Mai bereit halten sollten.

Am 30. Mai passierte folgendes: Ein Hauptmann der Armee in Zivil bestieg unsere Fahrerkabine. Funkgeräte wurden eingeladen. Dann kletterten etwa 50 Personen in Zivilkleidung auf die Ladefläche, einige Mönche waren auch darunter. Die Ladefläche wurde mit einer Persenning abgedeckt. Gegen 7.00 Uhr abends bekamen wir den Befehl in Richtung Depayin loszufahren.

Gegen 8.30, etwa 5 Kilometer vor Depayin, sah ich eine schreiende Menge auf die gnadenlos eingeprügelt wurde. Der Hauptmann befahl uns, die Scheinwerfer anzulassen und den Männern auf der Ladefläche, sich an der Schlägerei zu beteiligen. Nur der Fahrer, der Hauptmann und ich blieben im Wagen zurück.

Ich sah, wie ununterbrochen auf die Menge eingeprügelt wurde. Es war höchst beängstigend. Niemals in meinem Leben habe ich so etwas gesehen. Es war eine einseitige Attacke. Leute voller Blut rannten schreiend umher und fielen zu Boden. Einige der Gefallenen wurden neben unseren Lastwagen getragen. Ich wußte nicht, wer diese Menschen waren.

Der Hauptmann in unserer Führerkabine sprach über das Funkgerät. Ich hörte wie er sagte, ‘Jawohl General, jawohl’. Dann befahl er mir, die Toten in den Wagen zu laden. Ich sah auch, wie er drei oder vier Schüsse aus seiner Pistole auf die Menschenmenge abfeuerte.

Ich musste 17 Körper aufs Auto laden, alle waren blutverschmiert. Einige könnten noch am Leben gewesen sein. Danach mussten wir den Wagen zurück fahren. Im Dorf Ah Lon wurde uns befohlen anzuhalten, die 17 Körper am Strassenrand abzuladen und dann in die Zentrale des Armee Kommandos Nord West zurückzufahren.

Dort stand ein warmes Essen und Schnaps für uns bereit. Wir aßen. Danach erhielt jeder von uns 30.000 Kyats (Anm. etwa 24 Euro) Wir mussten die Ladefläche des Lasters waschen. Ich weiß nicht, was mit den 17 Körpern in Ah Lon passiert ist. Wir haben gehört, dass sie verbrannt wurden.”

Am darauf folgenden Tag fanden Mitarbeiter der US Botschaft am Ort des Geschehens zahlreiche Beweisstücke. Sie sahen zerrissene blutige Kleidung, zahlreiche Waffen und zerstörte Autos des Partei Konvois. Das Auto des 76 jährigen Partei Vize Tin Oo wurde in einem kleinen Kanal in der Nähe gefunden, alle Scheiben waren eingeschlagen. Der Innenraum zweier weiterer zerstörter Autos, die Mitgliedern des NLD Büros in Mandalay gehörten, war mit Blut getränkt. Ins nahegelegene Krankenhaus von Monywa ist nicht ein einziger Verletzter der Ausschreitungen vom 30. Mai eingeliefert worden.

Colin Powell, Aussenminister der USA begründet die erhebliche Verschärfung der Sanktionen seines Landes gegen Burma mit folgenden Worten: “Mit der Attacke gegen Aung San Suu Kyi hat die Burmesische Diktatur definitiv und endgültig die Anstrengungen der Welt mißbilligt, Burma zurück in die internationale Gemeinschaft zu holen. Unsere Antwort darauf bleibt so lange klar bis die Verbrecher, die Burma heute regieren verstehen, dass ihr Versagen die Demokratie wiederherzustellen mehr und mehr Druck gegen sie hervorrufen wird.”

Die den Sanktionen vorangehenden Aufrufe der Amerikaner Aung San Suu Kyi sofort aus der Haft zu entlassen, ignoriert die SPDC. Sie wäre nur in “Schutzhaft”, erklären die Generäle. Diesmal jedoch steht die 58 jährige Partei Chefin nicht unter Arrest in ihrem Haus in Rangoon, sondern sitzt im notorischen Insein Gefängnis für politische Gefangene in einer Einzelzelle. Eine Resolution des Weltsicherheitsrates wird nur durch das Veto China’s verhindert.

Am 28. August 2003 tickert die Nachrichtenagentur Reuters: “Das US Handelsembargo gegen das Militärregime in Myanmar, das offiziell am Donnerstag in Kraft getreten ist, hat bereits jetzt zehntausende Arbeitsplätze in der Textilindustrie gekostet. Die Sanktionen verschließen den US Markt für Importe aus dem verarmten Myanmar, in dem die demokratischen Oppositionelle Aung San Suu Kyi seit drei Monaten im Gefängnis sitzt.”

Sanktionen

Die SPDC befiehlt am 29. August 2003 seinen Untertanen landesweit ‘Anti-Sanktionen’ Mantras zu singen, um die Junta vor den Gefahren und Auswirkungen der verschärften US Sanktionen zu schützen. Die Einhaltung des Befehls in den Pagoden des Landes wird streng überwacht, wer sich aus irgendwelchen Gründen nicht daran beteiligen kann, wird gezwungen eine Kompensation zu zahlen. Die Rezitationen sind für eine Dauer von neun Tagen verordnet, der Glücks Zahl der Buddhisten.

Die Politik in Burma findet hinter verschlossener Tür statt. Das brutale Massaker an über 70 Demokratie Aktivisten und die Verhaftung Aung San Suu Kyi’s drückt sie einen Spalt breit auf und erlaubt der Öffentlichkeit einen flüchtigen Blick auf das, was die Generäle wirklich machen. Erfahrungsgemäß schlägt die Diktatur die Tür so schnell es geht wieder zu und die Sache ist erledigt, die Leute vergessen.

Unverständlich deshalb, dass TV Kamera Teams für schwärmerische Tourismus Features im “letzten exotischen Land” burmesische Pagoden in Mandalay filmen, ohne mit einem Wort zu erwähnen, wie es im Rest des Landes aussieht. Sie setzten sich damit auch über die Aufrufe Aung San Suu Kyi’s hinweg, Burma bitte nicht zu besuchen, da das Geld 100%ig von den Generälen in die Militär Maschine und somit in die Unterdrückung ihres Volkes gepumpt wird. Diese Verweigerung mag etwas politisch korrekt nach Nicaragua Kaffee riechen, ist aber das einzige effektive Druckmittel auf die Diktatur, das dem Einzelnen von Außen zur Verfügung steht.

Die Führungsriege der SPDC setzt nahtlos einen ultra-nationalistischen Kurs fort, der sukzessive seit der Unabhängigkeit Burma’s 1948 die Union in Schutt und Asche legt. Dieser Kurs ist nicht nur außerordentlich rassistisch nach innen, sondern auch fremdenfeindlich nach außen. Journalisten sind automatisch Spione, die “fünfte Kolonne des Neokolonialismus”. Ungern sehen die Generäle Schlagzeilen über geschlossene Universitäten und überfüllte Gefängnisse, in denen die Studenten neben ihren Professoren einsitzen. Die militärische Elite hält mit allen Mitteln an einem System fest, das vorrangig ihre eigenen finanziellen Interessen und Privilegien in einer Nation sicherstellt, die genau diese Generäle seit langem als die Schuldigen ihrer Misere ausmachen kann.

Seit Jahren spricht die Militärdiktatur in Rangoon von “geheimen Verhandlungen” die sie mit der National League for Democracy für eine graduelle Demokratisierung führe. Vertreter der oppositionellen ethnischen Nationalitäten waren dazu bisher noch nie eingeladen, obwohl gerade die KNU diese Beteiligung immer wieder einfordert. Davon abgesehen, dass diese Gespräche ergebnislos verliefen und bereits eingestellt wurden stellt sich die Frage, wie Demokratie in einem Land entstehen soll, wenn die Hälfte der Bevölkerung dieser Nation keine Möglichkeit hat ihren Standpunkt zu vertreten, die wichtigste demokratische Partei an den Gesprächen nicht teilnimmt, ihre Führungsfigur Aung San Suu Kyi weiterhin unter Arrest steht und die ethnische Opposition nicht eingeladen ist? Vor allem – für wen?

Die Situation der ethnischen Nationalitäten in Burma ist den Menschen in Europa und Amerika nahezu unbekannt. Wer die Karen sind, entzieht sich der Kenntnis selbst politisch informierter Zeitgenossen, deren Interesse eher auf die Ikone des demokratischen Widerstandes Aung San Suu Kyi gelenkt wird. Nicht ohne Kalkül der SPDC, denn gerade am Beispiel der ethnischen Nationalitäten zeigt sich das wahre Gesicht ihrer Schreckensherrschaft.

Interviewt man einen Karen, wird man schnell feststellen, daß er mit einer Gelassenheit über die erlittenen Leiden erzählt, die uns unverständlich bleibt, bis wir begreifen, daß sein Volk mit der Grausamkeit der burmesischen Regierungen in der jetzigen Form seit dem 2. Weltkrieg lebt. Er ist nicht in ein Versteck im Wald geflohen, weil sein Dorf zum x-ten Mal niedergebrannt wurde oder Mitglieder seiner Familie ermordet wurden, daran ist er gewöhnt, denn er ist auf der Flucht geboren worden. Er hat alles zurückgelassen und sich im Dschungel versteckt, weil die Summe der oben beschriebenen Maßnahmen seiner eigenen Regierung ihm bis aufs letzte Reiskorn alles genommen hat und die massive Kombination systematischer Einschüchterung ihm ein Weiterleben in seiner Heimat nahezu unmöglich macht.

Burma oder Myanmar ist ein Mitglied der Völkergemeinschaft und hat 10 Jahre der UN Geschichte einen umsichtigen, demokratischen und friedfertigen Generalsekretär gestellt. Es kann nicht an den burmanischen Genen liegen. Tatsache ist aber, daß ohne gerechte Beteiligung der ethnischen Nationalitäten an einer zukünftigen Regierung, kein Frieden, keine Demokratie, kein Wohlstand in Burma möglich ist.

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