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21.06. - 14:10 h

Das Goldene Dreieck, Vol.II

Khun Sa – Drogendealer oder Freiheitskämpfer?

28.Juni 1992, The Mail on Sunday’s‚ YOU’ Magazin:

Dieser Mann hat meine Tochter umgebracht

Lesley’s Tod war das Ende eines Kampfes gegen die Heroinabhängigkeit, der sich über fast die Hälfte ihres Lebens hinzog. Sie starb an einer Überdosis der Ersatzdroge Methadon, die ihr eigentlich den Entzug erleichtern sollte. Sie hinterlässt eine zerstörte Familie und einen Sohn, der sie kaum gekannt hat.

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Ihre Mutter Shirley, umgeben von Fotos einer bildhübschen Lesley, gibt die Schuld am Tod ihrer Tochter dem grössten Heroinproduzenten seiner Zeit und Amerika’s Volksfeind Nr. 1, Khun Sa.

Khun Sa, selbsternannter Führer aller Shan, kontrollierte mit seiner Moeng Tai Army 1992 grosse Teile des Shan States in Burma. Sein Einfluss reichte von der laotischen Grenze im Osten bis Mae Hong Son im Westen. Die USA boten 2 Millionen Dollar Kopfgeld für seine Ergreifung, tot oder lebendig, blieben aber bis heute erfolglos.

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Der etwa 1933 als Chang Chi-Fu geborene Sohn einer Palaung Mutter und eines chinesischen Vaters erfuhr 1949 am eigenen Leib die Unterdrückung durch die mörderische Kuomintang Armee Tschiang Kai-Tschek’s auf ihren Beutezügen durch sein Land (siehe KMT). Er wurde Zeuge, wie die Eindringlinge seinem Grossvater mit vorgehaltener Waffe sämtliche Maultiere abpressten und schwor Rache. Um seine Glaubwürdigkeit als Shan Führer zu untermauern, legte er seinen chinesischen Namen ab und nannte sich Khun Sa. Das Bedürfnis, sich von seinen chinesischen Vettern und Erzfeinden der ‚burmesischen’ Kuomintang zu distanzieren, wird dabei ebenfalls eine Rolle gespielt haben.

Etwa 1960 begann Khun Sa mit einer zunächst kleinen Gruppe bewaffneter Shan Rebellen Opium aus den Siedlungsgebieten der Wa im nördlichen Shan State in die Raffinerien und Infrastruktur des Goldenen Dreieck zu transportieren. Die Profite aus den stetig länger werdenden Maultier Karawanen erlaubten es ihm, seine Streitmacht weiter auszubauen. Hilfreich für seine kleine Armee war ausserdem, dass er mit General Ne Win und den burmesischen Behörden den Status einer ‚Kae Kwa Yae’ Dorfmiliz aushandeln konnte - einer von der Regierung legitimierten und unterstüzten Bürgerwehr.

Die Sicherheitslage im Shan State spitzte sich seinerzeit dramatisch zu: das den Shan im Staatsvertrag des ‚Panglong Agreement’ garantierte Recht auf freie Entscheidung auf einen eigenen Staat trat nämlich 1960 in Kraft, wurde aber von Ne Win und der Regierung ignoriert. Als Folge entstanden überall Zellen bewaffneter Widerstandsgruppen, denen die Dorfmilizen der Kae Kwa Yae ein frühes Ende bereiten sollten. Als Gegenleistung drückte die Regierung gegenüber dem Opiumhandel beide Augen zu: schliesslich finanzierte sich ihre Bürgerwehr dadurch selbst. Diese Sicherheitsstrategie, von Ne Win erfunden und eingeführt, wird bis heute in abgewandelter Form von der burmesischen Militärdiktatur praktiziert. (Siehe die Reports ‚Show Business’ und ‘HandinGlove: The Burma Army and the drug trade in Shan State’ auf www.shanland.org.)

So konnte Khun Sa, Meister im Taktieren, seine zunächst als ‚Shan United Army (SUA)’ bekannte Streimacht fast ein Jahrzehnt als eine von Ne Win geförderte ‚freiwillige Hilfspolizei’ tarnen. Die allerdings war weniger daran interessiert, Recht und Ordnung im Shan State aufrecht zu erhalten, als immer grössere Karawanen auszustatten, mehr Geld zu verdienen, immer mehr und immer bessere Waffen anzuschaffen. Am Anfang musste Khun Sa ‚Steuern’ für die Durchquerung des Territoriums der verhassten KMT bezahlen, 1967 stellte er die Tribute jedoch komplett ein. Als Vergeltung überfiel die KMT eine besonders grosse Ladung von 16 Tonnen Opium auf dem Weg an die thai-burmesische Grenze und der berühmte Opiumkrieg von 67 brach aus, mit schweren Verlusten auf beiden Seiten – und keinem eindeutigen Sieger. In der Folge verstrickten sich KMT und Khun Sa’s SUA über Jahre in erbitterte Gefechte um die Schmuggelrouten nach Thailand und die Vormacht auf dem Weltmarkt.

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Khun Sa führte Ne Win so heftig an der Nase herum, dass der ihn 1969 in der Stadt Taunggyi unter dem Verdacht der Korruption (!) verhaften und ins Staatsgefängnis von Manadalay sperren liess, wo er vier Jahre einsass. Dann entführte einer seiner Offiziere zwei russische Ärzte aus dem Taunggyi Hospital und presste Khun Sa mit den Geiseln frei. Der tauchte seltsamerweise in Rangoon unter und erst 1976 in dem thailändischen Dorf Hin Taek (Thoed Thai) wieder auf, das er zu seinem Hauptquartier ausbaute. Von dort stieg er wieder mit voller Kraft ins Heroingeschäft ein und baute seine Armee weiter aus. Die Thais begrüssten ihn genauso herzlich als Puffer gegen die allgegenwärtige kommunistische Bedrohung, wie sie die KMT fünfzehn Jahre früher willkommen geheissen hatten. Zur Freude Khun Sa’s geriet die KMT zu dieser Zeit endgültig zwischen Hammer und Amboss der Kommunisten aus China, Burma und Thailand, verlor immer mehr Anteile am Weltmarkt und damit die finanziellen Mittel ihre Armee konkurrenzfähig zu halten. Dieses Vakuum füllte Khun Sa mit Macht aus und kontrollierte von da ab etwa 70% des Umsatzes im Goldenen Dreieck – völlig ungestraft aus seinem Hauptquartier Hin Taek (später in Thoed Thai umbenannt) in Thailand – als der mächtigste Drogen Kriegsherr in Südost Asien.

„Wenn einer von ihnen furzt ist man allzuoft bereit, den Geruch als wohlriechend zu bezeichnen“, sagte Khun Sa einmal über ausländische Besucher diverser Agenturen amerikanischen Ursprungs. Die Vereinigten Staaten waren ausser sich, als er dazu überging Emissäre der CIA und DEA (Drug Enforcement Administration) kurzerhand zu exekutieren. Die Thais waren derart kompromittiert, dass sie sofort handelten. Die kommunistische Bedrohung ihres Staates war Anfang der 80er ein eher geringes Sicherheitsrisiko verglichen mit dem drohenden Verlust der Unterstützung durch die USA und im Januar 82 griff die thailändische Armee Hin Taek mit Panzern, Artillerie und Kampfflugzeugen an. Die erbitterte Schlacht um Hin Taek hat extrem viele Menschenleben gekostet, war aber am Ende erfolgreich: die SUA wurde über die thai-burmesische Grenze getrieben. Das konnte Khun Sa nicht auf sich sitzen lassen. Er revanchierte sich, indem er die Stadt Mae Sai plünderte und den Verkehr auf der Strasse in die Provinzhauptstadt Chiang Rai mit brennenden Autowracks lahmlegte. Khun Sa setzte zum Rundumschlag an, um sein Territorium und Marktanteile auf der burmesischen Seite der Grenze zu konsolidieren. Neben allen anderen kleinen ethnischen Rebellengruppen in seiner Einflusssphäre nahm er vor allem die KMT aufs Korn. Ein Einsatzkommando seiner Armee jagte sogar die Residenz von KMT General Li im Herzen Chiang Mai’s in die Luft. Wie ein schweres Beben schüttelte Khun Sa die gesamte Region durch und als der Staub sich legte, hatte er sein Hauptquartier auf der Shan Seite von Piang Luang etabliert und stellte die unangefochtene militärische Macht zwischen Mä Hong Son und der laotischen Grenze dar. Wieder war er der unangefochtene Herrscher des Goldenen Dreiecks mit sicheren Schmuggelrouten duch die Orte Kae Noi und Wiang Haeng, die ihm unermessliche Profite einspielten.

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Ab 1987 versuchte der ‚Prinz des Todes’ oder ‚Herr der Finsternis’ wie ihn die Weltpresse nennt, sein Image aufzupolieren. Seiner Armee, mittlerweile in ‚Moeng Tai Army’ (MTA) umbenannt, drückte er den Stempel von Freiheitskämfern auf, baute Schulen und Hospitäler in Shan State. Schliesslich lud er Vertreter der Weltpresse in sein Hauptquartier ein. Die waren ausserordentlich erstaunt einen gebildeten und sympathischen Mann vorzufinden, der einer Leidenschaft für Kultur und Rassepferde zu frönen schien. „Dieses Land wurde uns vor Urzeiten von unseren Vorfahren gegeben, aber wir dürfen es nicht regieren. Ich würde mich nicht als Kriegsherrn, sondern als nationalen Freiheitskämpfer bezeichnen. Wir von der MTA kämpfen um die Freiheit und Unabhängigkeit von den Diktatoren in Rangoon.“ Opium sei das notwendige Übel diesen Kampf zu finanzieren. In Wirklichkeit sei er gegen Drogen und jederzeit bereit, diesem Fluch im Shan State ein Ende zu bereiten. Er erinnerte die Journalisten daran, dass er den USA bereits mehrfach die gesamte Jahresernte zum Verkauf angeboten habe, um mit dem Geld eine Opium freie Landwirtschaft zu finanzieren. „Anstelle uns mit tödlichen Herbiziden zu bombardieren, solltet ihr besser Nahrungsmittel, Kleidung und Medizin auf uns abwerfen“ erklärte er lächeld einem amerikanischen Berichterstatter „dann wärt ihr für immer in unseren Gebeten.“ Die Amerikaner hatten der burmesischen Militärdiktatur unlängst Agent Orange und einige Helikopter zur Zerstörung von Mohnfeldern geliefert.

Khun Sa’s Monopol im Goldenen Dreieck findet 1990 durch einem erneuten Opiumkrieg ein Ende: die Wa, einst seine Lieferanten, stiegen jetzt selbst in grossem Stil in den Drogenhandel ein. Durch das Ende der kommunistischen Partei Burmas (CPB) und der Massenmeuterei der sogenannten ‚Wa daeng’ (der ‚roten’ Wa) ihrer Armee wurden Tausende gut ausgerüsteter und kampferprobter Soldaten frei, die die United Wa State Army (UWSA) gründeten und sofort mit Khun Sa und der MTA aneinandergerieten. Die UWSA erweiterte dazu das Sortiment um Metamphetamine, das sogenannte ‚Ya Ba’ (wörtlich: Medizin wahnsinnig), das sie in riesigen Mengen produzierten und nun nach Wegen suchten, die Pillen über die Grenze nach Thailand und damit auf den Weltmarkt zu schmuggeln. Der Krieg um die Schmuggelrouten dauerte fast das ganze Jahr 1991. Am Ende musste die MTA nach schweren Verlusten Territorium und Schmuggelrouten an die UWSA abtreten.

Khun Sa’s nächster Schritt kam Mitte Dezember 1993 und war provokanter Natur: er erklärte die Unabhängigkeit des Shan Staates. Dafuer versammelte er eine grosse Anzahl Shan Führer in seinem Hauptquartier, verfasste mit ihnen eine Verfassung, beantragte Anerkennung bei der UN, annullierte Rangoons Gesetze und befahl den Truppen der Militärdiktatur, sein Land umgehend zu verlassen. Die reagierte mit einer massiven Offensive, die allerdings seltsam unentschlossen wirkte und aus heutiger Sicht wohl eher die Amerikaner zu weiterer Militärhilfe bewegen sollte, denn im Januar 1996 stellte er sich den burmesischen Behörden in Rangoon. Obwohl die Amerikaner 2 Millionen Dollar boten, weigerten sich die Burmesen, Khun Sa auszuliefern. Er lebt heute in Rangoon, betreibt ein Juweliergeschäft und erfreut sich, den Gerüchten zufolge, einer ausgeglichenen Finanzlage und bester Gesundheit.

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